Vedran Džihić - Weinen vor Plastikblumen
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(08:08) Es gibt dann eben diese Rituale rund um den Kaffee, und das finde ich auch sehr wichtig. (08:13) In meiner Kindheit waren es auch sehr viele Rituale rund um Kaffee und um das Trinken des Kaffees. (09:06) Die Küche meiner Oma in einem kleinen Ort bei Prijedor war jener Ort, an dem ich die meiste Zeit mit meiner Oma verbracht habe, und die Oma ist auch eine wichtige Figur in meinem Buch. (09:20) Ich kann mich an die Momente erinnern, wo der Kaffee auf dem Herd meiner Oma zubereitet wird, und dann sitzt man und bespricht das, was jetzt gerade einem in den Sinn kommt. (10:45) Weinen vor Plastikblumen ist ein intimer und zugleich auch politischer, gesellschaftlicher Essay, wie meine Geschichte des Weinens ausgesehen hat und was man durch das Weinen ausdrücken kann und wie man auch durch das Weinen, durch die Tränen, den Bezug zu Mitmenschen herstellt. (11:06) Die zweite Dimension von „Weinen vor Plastikblumen“ ist, wie eben die Tränen und die Verletzlichkeit als politische Ressource heutzutage gesehen werden können. (11:33) Wie bekommt man durch die Tränen, durch die Verletzlichkeit einen anderen Blick auf die Demokratie, auf das Zusammenleben? (12:00) Tränen berühren uns alle und bewegen uns alle. Dadurch kann das Gemeinsame entstehen und auch Momente, wo man auch zu gesellschaftlichen Veränderungen vielleicht kommen kann durch eben dieses Offenbaren der Verletzlichkeit. (12:22) Ich versuche, politologisch oder auch philosophisch und auch durch die persönliche Lebensgeschichte die Frage zu stellen, wie man die Tränen und das Empathische, das Menschliche der Tränen der Politik der Härte und der Politik der Grausamkeit, der Autoritären, der Rechtsextremen oft auch entgegenstellen kann. (12:54) Es beginnt mit einem Fußballspiel 1980, als Tito stirbt und alle Spieler dann auf dem Fußballfeld zusammenbrechen und weinen. (12:58) Zehn Jahre nach Titos Tod beginnt der Zerfall meines Heimatlandes. (13:02) Ich selbst bin zu einem Flüchtling geworden und habe auch im Krieg gelebt. (13:22) Der Krieg in Bosnien und Herzegowina, auch die Flucht und das Flüchtlingsein, das bestimmt mich und prägt mich und hat mich auch geprägt. (13:35) Es geht auch um die Fragen: Wie verschwindet die Heimat? Wie kommt der Nationalismus auf? Und wie kann es so weit kommen, dass die Nachbarn auf die Nachbarn losgehen, die bis gestern miteinander gelebt haben, und sich dann irgendwie die Köpfe einschlagen? (13:52) Auch ein Thema des Buches ist: Wie können im heutigen Bosnien, nach 100.000 Opfern und dem Genozid, Menschen wieder lachen und Menschen Gemeinsames schaffen? (16:19) In unserem Land und in Europa gibt es Kräfte, die diese Verunsicherung und diese Ängste, auch manchmal Wut und Zorn der Menschen, offensichtlich besser für sich selbst instrumentalisieren können, für die politischen Zwecke, für die politische Macht. (18:02) Wenn dieses Aussortieren von Menschen einsetzt, und das wissen wir aus der Geschichte, kann das der Beginn von wirklich sehr, sehr schlimmen Dingen sein. (18:43) Dieses Auseinanderdividieren ist etwas, was man nicht gesellschaftlich, politisch und auch individuell in der Gruppe hinnehmen darf. (19:08) Ich will mit meinem öffentlichen Engagement, aber auch im privaten Kreis oder mit den Büchern eben zum Engagement aufrufen, also dazu aufrufen, dass man nicht gleichgültig und mit verschränkten Armen zu Hause sitzt. (19:23) Ich will dazu aufrufen, dass man eben gegen die Politik der Härte und der Grausamkeit aufsteht. (19:47) In diesem Land, in dem wir leben, haben wir eine Tradition der Freiheit, der Demokratie, der Gleichheit. Wir haben sicherlich auch viele Probleme, aber wir müssen auf diesen Fundamenten beharren und sie verteidigen. (21:30) Ich habe eine lange Zeit gebraucht, um mit meinem Krieg und meinen Verlusten fertig zu werden, und dieser Krieg wird nie verschwinden und wird mich für immer begleiten. (25:27) Lachen und Weinen liegen sehr nahe beieinander. (25:49) Österreich wie auch andere europäische Länder zeichnen sich dadurch aus, dass viele Flüchtlinge und Menschen, die vertrieben wurden, mit unterschiedlichen Wunden und Verwundungen und Verletzlichkeiten hier eine zweite Heimat gefunden haben. (26:39) Kriege und Verwundungen sind etwas, was wir in Europa leider, viele von uns, teilen. Einige hatten das Glück, dass sie im Frieden groß geworden sind, aber viele hatten dieses Glück nicht. (28:01) Etwas weiterzugeben, was so intim ist wie in diesem Buch, wo es auch um die Familie geht und auch um die Schmerzen des Krieges und um das Verarbeiten von vielen Dingen, ist gar nicht so einfach. (30:23) Das Buch soll anregen, die Verletzlichkeit zu thematisieren, mit dieser Verletzlichkeit, die nach außen getragen wird, auch eine Einladung zu machen an diejenigen, die das Buch lesen, oder an diejenigen, die ich erreichen kann, um wirklich auch diese Mitmenschlichkeit, Menschlichkeit, Empathie und natürlich auch durch die Verletzlichkeit zu zeigen und sich auch wirklich zu öffnen. (31:06) In Bosnien und Herzegowina werden ständig Witze erzählt. (31:32) Die Witze, die man sich in Bosnien und Herzegowina erzählt, sind sicherlich ein Teil des Umgangs der Gesellschaft mit der Realität. In den Witzen kann man sie verarbeiten und vielleicht ein bisschen wegschieben. (31:46) Lachen und Weinen liegen sehr nah beieinander, weil sie beide ansteckend sind. (32:41) Weinen ist oft ein Signal nach außen, dass man auch Unterstützung braucht, dass man auch gesehen werden will und in der Verletzlichkeit anerkannt werden will. (33:09) Ich würde mir für meine Heimat und auch für die Männer, die weniger weinen, weil es ihnen durch die Erziehung beigebracht wird, wünschen, dass mehr geweint wird. (33:35) Die politische, gesellschaftliche Botschaft im Buch ist: Dann, wenn man das Herz öffnet und auch die Verletzlichkeit zeigt, dass man anschlussfähiger ist, menschlicher ist, empathischer ist, wenn man will, demokratischer ist. (34:24) Ich habe eine unbändige Lebensfreude. (39:13) Jeder von uns hat eine Geschichte des Weinens hinter sich und auch eine Zukunft des Weinens vor sich. (40:09) Wir müssen den Männern in unserer Umgebung auch die Frage stellen: Zeigt bitte Emotionen, zeigt, was euch wehtut. (43:46) Man kann schon stolz sein, wenn man ein bisschen etwas hinterlässt. (45:16) So viele Ćevape, wie ich früher gegessen habe, esse ich nicht mehr. (46:48) Es ist eine superwichtige Frage, auch für alle Menschen, die aus Bosnien stammen, aber letztlich auch für jedes Land: Worauf ist man stolz? (48:46) Vielen Menschen in Bosnien ist durch den Krieg der Stolz genommen worden. (49:05) Es gab wenige öffentliche, große Ereignisse, die das Land Bosnien zusammenschweißen konnten, aber diese junge Fußballnationalmannschaft mit jungen Kickern, die in der ganzen Welt aufgewachsen sind, weil sie und ihre Familien vertrieben wurden, hat so ein Ereignis geschaffen. (51:07) Spieler wie Edin Džeko versuchen, dieses gemeinsame Bosnische hervorzuheben und auch zu sagen: „Wir spielen für das Land.“ (51:02) Es wird von diesen Spielern gezeigt: In dieser Mannschaft sind wir Serben und Kroaten und Bosniaken und wir beten zu unseren Göttern, aber es ist ja kein Grund zur Trennung, sondern eben zum Gemeinsamen. (51:28) Durch diese bosnische Nationalelf entsteht eine Euphorie, die wirklich unglaublich ist, also die auch in der Region für Furore gesorgt hat. (51:45) Es gibt auch dieses Lied von Dubioza Kolektiv, „I Am from Bosnia, Take Me to America“, das zu einem globalen Hit wurde, das alle singen und zu dem alle tanzen, und es war ein positiver Schub für das ganze Land und für sehr, sehr viele Menschen in diesem Land und auch wirklich den Politikern zum Trotz. (52:46) Es ist schön, wenn es etwas im Land gibt, etwas Positives, das man eben durch das eigene Engagement erreicht hat, auf das man stolz sein kann.
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